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Ein Gesprächsabend über die Rolle der Religion im Zeichen gesellschaftlicher Vielfalt

Aktualisiert: 16. Jan. 2023


"Worum es geht, ist etwas zutiefst Existenzielles


Wie lässt sich religiöse und weltanschauliche Vielfalt bearbeiten, um einen produktiven

gesellschaftlichen Zusammenhalt zu ermöglichen? Welche Rahmenbedingungen und

Orte braucht es dafür? Diesen Fragen widmete sich gestern Abend eine

Diskussionsveranstaltung in der Berliner St. Elisabeth Kirche unter dem Titel: „Europäische

Pluralitätskompetenz statt Zusammenhaltsfantasien! Über die Potentiale der Differenz

im Zusammenspiel von Religionen, Weltanschauungen und Gesellschaft“.

Organisatoren waren die Dialogperspektiven. Religionen und Weltanschauungen im

Gespräch und die Eugen-Biser-Stiftung. Als Teil des Netzwerks „Religion & Demokratie“

engagieren sie sich im Programm „Kohäsion durch Konflikt“, das in den drei

Schwerpunktthemen gesellschaftliche Vielfalt, Kultur und politische Bildung inner- und

interreligiöse Bruchlinien beleuchtet. Die Pointe dieses Ansatzes, wie Stefan Zinsmeister

von der Biser-Stiftung in seiner Begrüßung darlegte, bestehe darin, Kohäsion gerade nicht

durch das Aussparen, sondern zivile Austragen von Streit anzustreben. Orientierung biete

der Dreiklang aus Überwältigungsverbot, Kontroversitätsgebot und Subjektorientierung

(Beutelsbacher Konsens). Jo Frank von den Dialogperspektiven betonte, Pluralismus selbst

sei die beste Lösung für den Umgang mit Pluralität. „Differenz ist der Anfang des Gesprächs,

nicht dessen Ende. Wir sollten sie anerkennen, aber aus ihr heraus zueinander kommen,

indem wir unsere Perspektiven erweitern und Wertschätzung gegen Herabsetzung

stellen.“

Wie Pluralitätskompetenz ausgebildet werden könnte, diskutierte anschließend die

Journalistin und Filmemacherin Melina Borčak mit dem Religionsphilosophen und

Islamwissenschaftler Prof. Dr. Ahmad Milad Karimi. Moderiert durch die taz-Redakteurin

Dinah Riese griffen sie zuvor eingereichte Fragen von Teilnehmer*innen und Ehemaligen

der Dialogperspektiven auf. Karimi schlug vor, „Frieden“ als Schulfach zu etablieren – als

eine Kultur der Argumentation gegen den Hass sowie der (spirituellen)

Selbstauseinandersetzung. Mit Verve verteidigte er zudem den bekenntnisorientierten

Unterricht als Chance der Auseinandersetzung mit Religion: „Worum es geht, ist etwas

zutiefst Existenzielles. Dafür gibt es zu wenig Räume in der Gesellschaft.“ Das gelte ebenso

hinsichtlich der Möglichkeiten, atheistische Positionen zu artikulieren und in ein positives

Selbstverständnis zu überführen. Borčak plädierte dafür, den mit Differenz verbundenen

Meinungsstreit stärker auf der materiellen als der symbolischen Ebene zu führen. Auch sich

für Minderheiten einsetzende aktivistische Kreise sollten primär am ideologischen Kern von

Diskriminierung ansetzen und weniger auf Sprachphänomene fokussieren. Des Weiteren

unterstrich sie die Bedeutung des Rechts für die Einhegung von Konflikten, insbesondere

mit Blick auf Genozide in ihren verschiedenen Entwicklungsstufen.

Das Publikum partizipierte durch digitale Live-Abstimmungen zu mehreren Leitfragen

rund um das Verhältnis von pluraler Gesellschaft, Weltanschauung und Religion. Der

Vorher-Nachher-Vergleich legte nahe, dass die Paneldiskussion Unentschiedenheiten

abgemindert und zur Klärung von Positionen beigetragen hatte.

Weitere Informationen über das Projekt „Kohäsion durch Konflikt“ und das Netzwerk

„Religion & Demokratie“ finden Sie unten. Falls Sie Fragen haben, wenden Sie sich gerne an



Das Netzwerk „Religion & Demokratie“

• Katholische Akademie in Berlin

• Dialogperspektiven. Religionen und Weltanschauungen im Gespräch (Berlin)

• Eugen-Biser-Stiftung (München)

• Zentrum Theologie Interkulturell und Studium der Religionen /

Theologische Fakultät Universität Salzburg



Mission Statement

Das Projekt „Kohäsion durch Konflikt“ widmet sich Religionen als prägenden Kräften

kultureller und normativer (Selbst-)Verständigung. Religionen inspirieren, indem sie

Transzendenzerfahrungen und Sinnerwartungen Raum geben. Sie irritieren, wo sie in

ihrer Eigensinnigkeit gestaltend in die Gesellschaft hineinwirken und neue Blickwinkel auf

öffentliche Belange anregen. Sie entfalten ihr produktives Potenzial, wenn sie damit

Deutungsressourcen freisetzen und Orientierungsangebote in säkularen Gesellschaften

bereitstellen.

Vor diesem Hintergrund fördern wir ein reflektiertes und offenes, Brüche und Konflikte

ausdrücklich anerkennendes Gespräch religiöser Akteur*innen untereinander und mit

ihrer säkularen Umwelt. Ein wichtiger Anlass des Gespräches ist die wachsende religiös-

weltanschauliche Vielfalt. Im Lichte dieser Entwicklung dient das Projekt einer

verständigungsorientierten Aushandlung widerstreitender Deutungen des guten Lebens,

identitätsstiftender Glaubensansprüche und religionspolitischer Teilhabeforderungen.

Konflikt soll als Medium der Kohäsion fruchtbar werden. Voraussetzung dafür ist die

Kultivierung von Sprachfähigkeit und Streitkompetenz an den Schnittstellen von Religion,

Gesellschaft und Politik. Im Zielhorizont steht ein friedvolles gesellschaftliches

Miteinander.

Das „säkulare Zeitalter“ ist begleitet von einer Wiederentdeckung religiöser

Identitätskonstruktionen, Denkfiguren und Handlungsimpulse. Damit verbunden sind

gesellschaftliche Reibungen. Ein Schlüssel zu deren produktiver Wendung liegt gerade in

der vertieften Auseinandersetzung mit religiösen Traditionen. Deswegen braucht es

vermittelnde Akteur*innen, die alltagsbezogene religiöse Probleme erkennen und

entschärfen können. Im Bewusstsein der Sackgassen und unbewältigten Konflikte des

interreligiösen Dialoges schaffen wir konkrete Dialogformate, um Vorurteile zu erfassen.

Verständigung erwächst aus der Arbeit an geteilten gesellschaftspolitischen

Herausforderungen in unserer säkular-pluralen Welt. Die Vielfalt religiöser Selbst-, Welt-

und Gottesbezüge bedeutet dabei ein Versprechen; sie vermag den Blick und die

Akzeptanz für gesellschaftliche Differenz zu schulen – und damit die demokratische

Kultur zu stärken.

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